Wirtschaftsausblick | Jordanien

Jordaniens Wirtschaft wächst trotz Risiken

Industrie, Landwirtschaft und Großprojekte stützen die Konjunktur. Hohe Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit sowie regionale Unsicherheit begrenzen jedoch die Entwicklung. 

Von Katrin Pasvantis | Kairo

Top-Thema: Irankrieg stärkt Aqaba als alternative Handelsroute 

Der Irankrieg belastet Jordaniens Wirtschaft mit höheren Energie- und Frachtkosten sowie Einbußen im Tourismus. Zugleich stützen höhere Düngemittelpreise, Reexporte und der Transit über den Hafen Aqaba die Konjunktur. Wegen der Störungen rund um die Straße von Hormus werden mehr Waren über Aqaba und auf dem Landweg weitertransportiert. Vor allem zusätzliche Lkw-Transporte in den Irak treiben das Transitaufkommen, da Einfuhren teilweise von Basra nach Aqaba umgeleitet werden. 

Der Hafen arbeitet nahe seiner Kapazitätsgrenze. Sein länger geplanter Ausbau gewinnt an Dringlichkeit. Aqaba soll sich auch nach einer Normalisierung als alternative Handelsroute etablieren. Auch Bahnprojekte erhalten neuen Schub. Am weitesten fortgeschritten ist die südliche Güterbahn. Sie soll Aqaba mit Ma’an, den Phosphatminen in Shidiya und der Kaliproduktion in Ghor al-Safi verbinden. Projektträger ist die Jordan-UAE Railway Company. Im Oktober 2026 erfolgte der symbolische Spatenstich. 

Für den Korridor von Saudi-Arabien über Jordanien und Syrien bis in die Türkei und perspektivisch nach Europa gibt es bislang nur Abkommen und Planungen.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum zieht leicht an 

Jordaniens Wirtschaft legt moderat zu. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2026 ein reales Plus von 2,7 Prozent und für 2027 von 3,1 Prozent. Industrie, Landwirtschaft und Großprojekte stützen die Konjunktur. Hohe Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit bremsen jedoch das Wachstum. Eine Verschlechterung der Sicherheitslage könnte Tourismus, Handel und Investitionen belasten. 

Großprojekte sollen Investitionen beleben 

Ausländische Direktinvestitionen bleiben eine wichtige Stütze der Wirtschaft. Sie stiegen 2025 um 25 Prozent auf rund 2 Milliarden US-Dollar (US$). Rund 61 Prozent kamen aus arabischen Ländern, vor allem aus Saudi-Arabien und Irak. Europa stellte knapp 14 Prozent. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen zogen gut ein Viertel der Zuflüsse an, die Industrie knapp 12 Prozent. 

Neue Investitionen sind vor allem in Energie, Wasser, Verkehr und digitale Infrastruktur geplant. Der Hafenausbau in Aqaba, die südliche Güterbahn und das Entsalzungs- und Leitungsprojekt Aqaba – Amman bieten Zulieferpotenzial. Bei der Bahn betrifft dies beispielsweise Gleis- und Signaltechnik, beim Wasserprojekt Pumpen, Rohre und Membranen. 

Bürokratie und unsichere Geschäftsaussichten bremsen jedoch private Vorhaben. Dem Staat bleibt wenig Spielraum für zusätzliche Anreize und eigene Investitionen.

Konsumenten sind vorsichtig 

Der private Konsum wächst verhalten. Die Analyseagentur Economist Intelligence Unit (EIU) erwartet für 2026 ein Plus von 2,6 Prozent und für 2027 von 2,9 Prozent. Höhere Rücküberweisungen aus dem Ausland stützen die Nachfrage. Auch die für 2027 geplante Anhebung niedriger Gehälter und Pensionen im öffentlichen Dienst dürfte helfen. Hohe Arbeitslosigkeit und die geopolitische Unsicherheit in der Region bremsen jedoch den Konsum. 

Die Inflation bleibt moderat. Im September 2026 lag sie bei rund 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der IWF erwartet für 2027 eine durchschnittliche Teuerung von 2,3 Prozent. Die straffe Geldpolitik und die Dollarbindung begrenzen den Preisauftrieb. Steigende Energie- und Transportkosten könnten die Inflation jedoch wieder verstärken. 

Großprojekte könnten die Importnachfrage beleben 

Die wichtigsten Importgüter waren 2025 Erdöl und -erzeugnisse, Fahrzeuge, Schmuck, Maschinen, Elektrotechnik und Getreide. China und Saudi-Arabien waren die mit Abstand wichtigsten Lieferländer. Deutschland blieb führender EU-Anbieter. 

Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Einfuhren gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6 Prozent. Die Importe von Erdöl und -erzeugnissen legten um 58 Prozent zu, die von Getreide um 10 Prozent. Rückläufig waren Maschinen und Werkzeuge mit 24 Prozent, Schmuck mit 20 Prozent sowie Fahrzeuge mit 6 Prozent. 

Die Großprojekte dürften 2027 die Nachfrage nach Investitionsgütern stärken. Die Devisenreserven stiegen bis Ende Juni auf 26,1 Milliarden US$ und deckten rund 8,6 Monate der Warenimporte. 

Die Exporte stiegen im ersten Halbjahr 2026 ebenfalls um 6 Prozent, insbesondere aufgrund der höheren Nachfrage aus Syrien, Asien und der EU. Vor allem die Ausfuhren von Kali und Düngemitteln legten zu.

Deutsche Perspektive: Lieferungen und Geschäftschancen 

Deutsche Unternehmen vor Ort geben trotz der geopolitischen Unsicherheit in der Region positive Signale. Sie sehen Chancen in Forschung, Entwicklung und Produktion. Wettbewerbsfähige Kosten und die Zusammenarbeit mit der German Jordanian University könnten neue Vorhaben erleichtern. Bürokratie und die langsame Digitalisierung der Verwaltung erschweren jedoch das Geschäft. 

Die Präsenz deutscher Unternehmen ist bislang überschaubar. Freudenberg produziert in Amman, ELREHA montiert elektronische Baugruppen in Zarqa. Büros unterhalten unter anderem Dorsch Impact, Evonik, Siemens Energy und TÜV Rheinland. Wilo und Commerzbank sind mit Repräsentanzen vertreten. 

Die deutschen Lieferungen nach Jordanien stiegen 2025 um 9 Prozent. Ausschlaggebend waren Flugzeuglieferungen von Airbus. Ohne diesen Sondereffekt stagnierten die Ausfuhren nahezu. Die Lieferungen von Kraftwagen und Motoren gingen zurück, jene von Medizin- und Messtechnik legten zu. 

Bei Fahrzeugen dürfte der Wettbewerb zunehmen. Mit dem US-Abkommen vom Juli 2026 verpflichtete sich Jordanien, den Marktzugang für US-Fahrzeuge zu verbessern. 

Geschäftschancen bieten vor allem geberfinanzierte Wasser- und Energieprojekte. Deutschland beteiligt sich über die KfW am Wasserprojekt Aqaba-Amman, das entsalztes Meerwasser aus Aqaba nach Amman und in weitere Landesteile bringen soll. Die Jordan-EU Investment Conference am 19. November 2026 könnte neue Geschäftskontakte eröffnen. Weitere Ansatzpunkte bieten Digitalisierung, Speicher- und Netztechnik. Bei steigenden Investitionen in Syrien könnte Jordanien zudem als Basis für Projekte im Nachbarland dienen. 

Weitere Informationen zu Jordanien finden Sie auf unserer GTAI-Länderseite.