Branche | Kolumbien | Tiefbau, Infrastrukturbau

Neuer Anschub für Kolumbiens Transportinfrastruktur?

Kolumbien plant milliardenschwere Infrastrukturprojekte. Trotz Verzögerungen bieten sich deutschen Anbietern Chancen, besonders mit lokaler Präsenz und gutem Service.

Janosch Siepen

Von Janosch Siepen | Mexiko-Stadt

Der Ausbau der Transportinfrastruktur in Kolumbien kam in den vergangenen Jahren nur langsam voran. Im Jahr 2026 fielen die Investitionen auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Zugleich ist die Produktion im Tiefbau seit 2019 um 46 Prozent gesunken, so das Wirtschaftsinstitut ANIF. Gebremst wird der Sektor durch eine geringe Ausschöpfung öffentlicher Investitionsbudgets, regulatorische Unsicherheit, Finanzierungsengpässe des Staates, langwierige Verwaltungsverfahren und häufige Personalwechsel in den zuständigen Ministerien.

"In den vergangenen vier Jahren wurden nur wenige neue Konzessionen vergeben", sagt Carlos Andrés Rodríguez, Lateinamerika-Geschäftsführer bei Yunex Traffic, einem Münchner Unternehmen für intelligente Verkehrssysteme. "Internationale Technologieanbieter haben sich teilweise aus dem Sektor in Kolumbien zurückgezogen."

Auch Eduardo Pernett, Leiter Kundendienst für Mobil- und Raupenkräne beim baden-württembergischen Unternehmen Liebherr in Kolumbien, berichtet, dass die Unsicherheit über neue Großprojekte die Nachfrage nach Spezialmaschinen im Markt gedämpft habe. "Einer unserer Kunden stoppte wegen rechtlicher Unklarheit zeitweise seine Arbeit an einem Straßenprojekt." Ähnlich sei die Lage an den Häfen: Da mehrere Konzessionen ausliefen, hielten sich die Betreiber derzeit mit dem Kauf neuer Maschinen zurück, so Pernett.

Neue Regierung will Bürokratie abbauen und Rechtssicherheit stärken

Mit der neuen Regierung unter dem seit August 2026 amtierenden Präsidenten Abelardo de la Espriella könnte Bewegung in den Infrastruktursektor kommen. In der Branche herrscht vorsichtiger Optimismus. "Ich erwarte, dass die neue Regierung öffentlich-private Partnerschaften wieder stärker nutzt und damit neue Investitionen in Verkehrstechnik ermöglicht", sagt Rodríguez.

Die neue Verkehrsministerin Elsa Noguera hat einen Fahrplan vorgelegt, der schnellere Genehmigungsverfahren, verlässliche mehrjährige Haushaltszusagen und eine höhere Vertragssicherheit vorsieht. Ob der Neustart gelingt, dürfte sich vor allem daran zeigen, ob die Regierung bereits geplante Großprojekte zügiger vergibt und umsetzt.

Auswahl der größten Infrastrukturprojekte in KolumbienInvestitionssumme in Millionen US-Dollar

Projekt (Kapazität)

Investitionssumme

Projektstand

Projektträger

Turbo-Cupica Interoceanic Railway (267 Kilometer; schafft eine Bahnverbindung von der Pazifik- zur Karibikküste)

13.264

Vormachbarkeitsstudien sollen 2026 abgeschlossen werden

Agencia Nacional de Infraestructura

Bogotá Metro Linie 2 (16 Kilometer)

8.766

Präqualifikation läuft, Vergabe im 1. Quartal 2027 vorgesehen

Empresa Metro de Bogotá

Corredor Férreo del Pacífico (Modernisierung des Abschnitts Buenaventura-Palmira; 120 Kilometer)

5.180

Vormachbarkeitsphase verzögert sich aufgrund von Rechtsstreitigkeiten

Agencia Nacional de Infraestructura

Bogotá Metro Linie 1 (24 Kilometer)

4.766

im Bau, Betrieb ab März 2028

Empresa Metro de Bogotá, Metro Línea 1

Neubau Bahnstrecke Villavicencio–Puerto Gaitán (Andes–Orinoquía; 194 Kilometer)

4.570

Machbarkeitsstudien

Agencia Nacional de Infraestructura, Ejército Nacional de Colombia

RegioTram del Norte (Ausbau Bahnstrecke Bogotá–Zipaquirá; 49 Kilometer)

4.519

Vergabe Ende 2026, Bau ab Mitte 2029

Empresa Férrea Regional

Ausbau und Modernisierung des Flughafens José María Córdova bei Medellín (auf 17,5 Mio. Passagiere/Jahr)

3.351

Frühphase

Agencia Nacional de Infraestructura, Unidad Administrativa Especial de Aeronáutica Civil, Sociedad Operadora de Aeropuertos Centro Norte

Ausbau und Modernisierung des Flughafens El Dorado (EDMAX) in Bogotá (Erweiterung der Kapazität um 20 Mio. auf 73 Mio. Passagiere/Jahr)

3.200

Machbarkeitsphase, Vergabe 2027

Agencia Nacional de Infraestructura, Sociedad Concesionaria Operadora Aeroportuaria Internacional

Tren de Cercanías del Valle del Cauca (73 Kilometer; Ausbau zum Regionalbahnsystem)

3.163

Klärung der Finanzierung, Betrieb ab 2033

Sociedad Sistema Integrado de Transporte Regional en el Gran Valle

Puerto Progreso de Urabá (Hafenneubau; 18 Millionen Container pro Jahr)

2.800

Geplanter Baubeginn 2026

Proyectos, Logística y Comercio (PLC) Zomac

Reaktivierung der Bahnstrecke Barbosa–Puerto Berrío (Tren Multipropósito; 128 Kilometer)

2.666

Technische, rechtliche und finanzielle Strukturierung beinahe abgeschlossen

Promotora Ferrocarril de Antioquia

Bogotá Metro Linie 3 (18 Kilometer)

2.494

Ende der Vormachbarkeitsphase

Empresa Metro de Bogotá

Quelle: BNamericas 2026

Strategisch wichtige Vorhaben wie die Metro in Bogotá, die 13 Kilometer lange Stadtbahn "Metro de la 80" in Medellín, verschiedene Verkehrskorridore sowie der Ausbau des Flughafens El Dorado in Bogotá sollen schneller vorankommen. Im Bundesstaat Santander will die Regierung Projekte im Umfang von 1,8 Milliarden US-Dollar (US$) vorantreiben, in Chocó sollen 320 Millionen US$ in Straßenprojekte fließen.

Weitere Vorhaben stehen laut ANIF kurz vor der Vergabe. Dazu zählen das Flughafenprojekt El Dorado Max in Bogotá, der Flughafen Bayunca in Cartagena sowie die Schnellstraße Villeta–Guaduas.

Kolumbien treibt wichtige Verkehrsachsen voran

Zu den zentralen Straßenprojekten zählt der Korridor Nueva Vía al Mar, der den Großraum Medellín besser mit der Karibikküste verbinden soll. Herzstück ist der 9,73 Kilometer lange Toyo-Tunnel, der nach seiner Fertigstellung der längste Straßentunnel Lateinamerikas sein soll. Der Tunnel soll Ende 2027 in Betrieb gehen. Derzeit wird die Installation der elektromechanischen Ausrüstung vorbereitet.

Auch der Ausbau des Schienennetzes gewinnt an Fahrt. Bereits 2025 vergab Kolumbien den Bau der Bahnstrecke La Dorada–Chiriguaná; inzwischen ist auch die Finanzierung weit fortgeschritten. Darüber hinaus plant die Nationale Infrastrukturbehörde ANI, 2029 die Konzession für einen 448 Kilometer langen Eisenbahnkorridor zwischen Bogotá und den Häfen an der Karibikküste zu vergeben.

Weitere Schienenprojekte befinden sich noch in früheren Planungsphasen. Der Bundesstaat Boyacá will 2027 Machbarkeitsstudien für einen 7,7 Milliarden US$ teuren Schienenkorridor vorlegen. Auch im städtischen Nahverkehr stehen Großprojekte an. Für den Bau der zweiten Metrolinie in Bogotá haben sich zwei europäische und ein chinesisches Konsortium um die Präqualifizierung beworben. Der Vertrag soll nach Abschluss des Vergabeverfahrens in der zweiten Jahreshälfte 2027 unterzeichnet werden. Auch die Ausschreibung für die Regionalbahn Regiotram del Norte läuft bereits.

Deutsche Firmen raten zu Nähe zum Kunden

Um von den Investitionen zu profitieren, müssen sich deutsche Unternehmen auf die Besonderheiten des kolumbianischen Marktes einstellen. Laut Rodríguez sind die technischen Anforderungen hoch, zugleich verlaufen Projektzyklen häufig länger und weniger vorhersehbar als in Europa. "Ein Projekt kann sich gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan um ein bis drei Jahre verzögern." Darin sieht er einen Wettbewerbsnachteil für deutsche Anbieter, die angesichts solcher Unsicherheiten oft zurückhaltender agierten. Unternehmen aus Spanien oder Frankreich seien eher bereit, entsprechende Risiken einzugehen.

Rodríguez empfiehlt daher, den kolumbianischen Markt nicht von Deutschland aus zu bedienen. Entscheidend sei eine starke Präsenz vor Ort. Yunex beschäftige in Kolumbien inzwischen ausschließlich lokale Mitarbeiter und sei dadurch eng mit der Geschäftskultur und den Besonderheiten des Marktes vertraut.

Auch Eduardo Pernett hält lokale Netzwerke für entscheidend. "Man muss den Markt vor Ort kennen, denn wichtige Nachrichten erreichen die Unternehmenszentrale in Deutschland nicht immer." Gleichzeitig erhöhe eine lokale Präsenz die Sichtbarkeit: "Du kannst der Beste sein – aber wenn niemand davon weiß, bringt dir das nichts." Hinzu komme ein verlässlicher Aftersales-Service. Viele Kunden erwarteten einen guten Kundendienst, um die Zuverlässigkeit ihrer Anlagen im laufenden Betrieb sicherzustellen, so Pernett.