Wirtschaftsumfeld | Westbalkan | Einfluss Chinas
China baut langfristige strategische Präsenz im Westbalkan aus
Chinesische Unternehmen beliefern vom Westbalkan aus die EU und drängen in Stärkebereiche deutscher Anbieter vor. Allein in Technologieprojekte fließt knapp 1 Milliarde Euro.
30.10.2026
Chinas Expansion in der Region ist unübersehbar. Chinesische Firmen dominieren bei der Ausführung staatlicher Großprojekte. Das gilt für Direktvergaben von Regierungen, wie beim Bau der Infrastruktur für die Weltausstellung Expo oder bei Verkehrsgroßprojekten in Belgrad. Zudem profitieren sie von Ausschreibungen internationaler Geber wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) oder der Europäischen Investitionsbank (EIB). Den Abbau strategischer Rohstoffvorkommen in den Kupferminen im serbischen Bor und Majdanpek betreiben seit Jahren chinesische Staatsfirmen.
Diese Kombination aus Skalierbarkeit aufgrund breiter lokaler Präsenz bei Großprojekten, Finanzierung durch internationale Geber, angereichert um Wettbewerbsvorteile durch nationale Subventionen bildet die Grundlage für Chinas weitere Expansion in der Region. Hauptziel der breiten Präsenz ist die Belieferung europäischer Märkte aus Produktionsstandorten im Westbalkan. So vertiefen chinesische Firmen ihr Engagement in der verarbeitenden Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau und bei Hochtechnologie. Damit werden sie zu direkten Konkurrenten für europäische Unternehmen, die in der Region aktiv sind.
| Projektbezeichnung | Investitionssumme | Projektstand | Projektträger |
|---|---|---|---|
| Erweiterung des Reifenwerks (Phase 2) / Zrenjanin | 500 | Erweiterung angekündigt; geplant sind zusätzliche Kapazitäten für Lkw-, Bus-, Agrar- und Industriereifen sowie Recyclinganlagen; geplante Fertigstellung: 2030 | Linglong Tire / Linglong International Europe |
| Bau eines Robotik-Innovationszentrums und Technologieparks zur Produktion humanoider Roboter, Roboterhunde und weiterer KI-gestützter Systeme / Šabac und Inđija | 200 | Produktion teilweise aufgenommen; geplant ist der Ausbau der Produktion auf bis zu 20.000 Robotern jährlich | Minth Group, AgiBot (Zhiyuan Robotics) |
| Bau eines Werks zur Produktion von Exterieur- und Strukturkomponenten für die Kfz-Industrie / Loznica und Šabac | 135,1 | Subventionsvereinbarung über 17,3 Millionen Euro im August 2026 unterzeichnet | Minth Automotive Europe |
| Bau einer Produktion von Batterien für Drohnen, humanoide Roboter, unbemannte Fahrzeuge, Elektrowerkzeuge und Haushaltsgeräte / Inđija | 100,5 | Rahmenvereinbarung zwischen serbischer Regierung, Gemeinde Inđija und Jiangsu Reliance Energy Tech am 31. August 2026 unterzeichnet | Jiangsu Reliance Energy Tech |
| Bau einer Produktion von Zierleisten und Dichtungen aus Aluminium oder Edelstahl sowie Kunststoffgranulat / Industriegebiet Sever (Majur), Šabac | 90,6 | Umweltverträglichkeitsprüfung im Juli 2026 genehmigt; Subventionsvereinbarung über 11,6 Mio. Euro unterzeichnet | Minth Metal Parts Balkan (Teil der Minth Group) |
| Bau einer Produktionsstätte für Fahrzeugbeleuchtungen / Niš | 77 | Subventionsvereinbarung über 8,2 Mio. Euro am 10. Juni 2026 unterzeichnet; geplante Inbetriebnahme: 2030 | Xingyu Automotive Lighting Systems |
| Bau einer Produktion für Kunststoff- und Spritzgussteile für die Kfz-Industrie / Niš | 26,5 | Absichtserklärung am 2. Juli 2025 unterzeichnet | Zhejiang Yusei Plastic Mould Group / Yusei Machinery |
| Automatisierung der Produktion von Elektro- und Elektronikkomponenten für Kfz / Novi Sad | 13,4 | Subventionsvereinbarung über 3,3 Mio. Euro unterzeichnet; geplante Inbetriebnahme: 2029 | BMTS Technology (ehemals Bosch Mahle Technology Systems, 2017 übernommen von Finanzinvestor FauntainVest Partners mit Sitz in Hongkong) |
| Bau einer Fabrik zur Produktion von Metallteilen für Motoren / Novi Bečej | k.A. | Vorbereitungsphase; Besichtigung eines potenziellen Standorts im Juli 2026 | Jiangsu Lianbo Precision Technology |
| Strategische Partnerschaft zur Modernisierung der Produktion von Schwerlastfahrzeugen / Priboj | k.A. | Kooperationsgespräche; eine konkrete Vereinbarung oder Investitionssumme wurde bislang nicht veröffentlicht | FAP Korporacija Priboj, China National Heavy Duty Truck Group (Sinotruk International) |
Milliardeninvestitionen in Serbiens verarbeitende Industrie
Chinas wichtigster Brückenkopf im Westbalkan ist Serbien. Von den rund 2.000 mit chinesischem Kapital aktiven Firmen beschäftigen nach Angaben der serbischen Wirtschaftskammer (PKS) allein die 37 größten Konzerne mehr als 40.000 Mitarbeiter. Bis heute flossen aus China rund 7,7 Milliarden Euro an Direktinvestitionen (FDI) ins Land. Zu den größten Investoren zählen die HBIS Group, die Serbiens größtes Stahlwerk in Smederevo betreibt, sowie Zijin Mining in Bor. Der Bergbaukonzern war 2024 der größte Exporteur und mit einem Nettogewinn von rund 700 Millionen Euro das profitabelste Unternehmen im Land, berichtet die Tageszeitung Danas.
Flankiert wird die Ausweitung der traditionellen Zusammenarbeit im Infrastrukturbau auf Industrie, Energie und künstliche Intelligenz (KI) von dem 2009 geschlossenen Abkommen über wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit bei Infrastruktur sowie dem Freihandelsabkommen zwischen beiden Ländern. Nach dessen Inkrafttreten am 1. Juli 2024 stieg der serbisch-chinesische Außenhandel 2025 spürbar um ein Fünftel auf rund 8,3 Milliarden Euro. Rund vier Fünftel des Handelsvolumens entfallen auf Importe von Konsum- und Industriegütern aus China. Serbien liefert im Gegenzug vor allem Kupfer und weitere Rohstoffe.
China treibt die dauerhafte Präsenz seiner verarbeitenden Industrie in Serbien voran. Dabei orientieren sich chinesische Firmen weniger am Bedarf der serbischen Volkswirtschaft als an Branchen mit Exportpotenzial. Beispiele hierfür sind die Kfz-Zulieferbetriebe Minth in Loznica und Šabac, Shanghai Huizhong Automotive Manufacturing (Teil der SAIC Group) in Kać oder Linglong Tire in Zrenjanin. Beim Staatsbesuch des damaligen Präsidenten Aleksandar Vučić im Mai 2026 wurden mehr als 30 neue Abkommen über 953 Millionen Euro unterzeichnet. Im Fokus steht neben der Kfz-Zulieferindustrie der Aufbau eines chinesischen Robotik-, Batterie- und Drohnenclusters in Inđija und Šabac. Serbiens Regierung unterstützt die Ansiedlung ausländischer Investoren mit Subventionen. Davon profitieren Daten des Wirtschaftsministeriums zufolge auch chinesische Konzerne wie die Minth Group.
Doch nicht nur im Land nimmt die Konkurrenz für deutsche Firmen durch China zu. Chinesische Wettbewerber nutzen Serbien als Sprungbrett, um einen besseren Zugang zum EU-Markt zu erhalten.
"Die Chinesen kommen nach Serbien, um so nah wie möglich an die europäischen Lieferketten heranzurücken, die Nähe zur Europäischen Union zu suchen und ihren wirtschaftlichen Einfluss auszubauen“,
erläutert Nenad Jevtović, Direktor des Instituts für Entwicklung und Innovation, in der Tageszeitung Danas die Strategie chinesischer Investoren in Serbien.
China steigt in strategische Bereiche in Bosnien und Herzegowina ein
Bosnien und Herzegowina ist seit 2012 Teil der 16+1-Initiative zur Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Ländern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Die Fragmentierung in die politisch autonomen Entitäten – Föderation Bosnien und Herzegowina (FBiH) und Republika Srpska (RS) – spielt chinesischen Aktivitäten dabei in die Karten. So gibt es keine kohärente staatliche China-Strategie, was chinesischen Akteuren zahlreiche Spielräume eröffnet.
Aus bosnisch-herzegowinischer Sicht ist China der wichtigste außereuropäische Außenhandelspartner. Die Zahl der Touristen und Handelsreisenden aus China nimmt stetig zu und könnte nach Einrichtung einer geplanten Direktverbindung nach Sarajevo weiter steigen. Chinesische Aktivitäten zielen vor allem auf strategische Branchen wie Infrastruktur, Energie, Kommunikation und Gesundheit.
Die FBiH will Sinopharm beauftragen, für 100 Millionen Euro Krankenhäuser in Sarajevo und Livno zu modernisieren. Dabei soll es sich nach Medienberichten um eine Kreditvereinbarung mit integriertem "Schlüsselfertig“-Modell handeln. Der Telekommunikationsanbieter BH Telecom vereinbarte mit Huawei den Ausbau und die Modernisierung des 4G-Netzes im Land. Vor einer Zusammenarbeit mit Huawei beim geplanten Aufbau des 5G-Netzes zögert die Regierung noch. Sie will die angestrebte europäische Integration nicht gefährden.
In der RS errichtet die China Gezhouba Group mit dem Wasserkraftwerk Dabar das größte chinesische Vorhaben im Land. AVIC-ENG (China National Aero-Technology International Engineering) baut drei Wasserkraftwerke an der Bistrica bei Foča. Beim Großprojekt Buk Bijela an der Drina sind chinesische Firmen bislang nur als Bieter vertreten. Die Finanzierung dieser Projekte erfolgt in der Regel über die Export-Import Bank of China.
Bei erneuerbaren Energien sichern sich chinesische Konzerne Konzessionen für Windparks in der FBiH. Es ist weiterhin ungeklärt, ob und wie Staatseigentum wirtschaftlich genutzt werden darf. Chinesische Firmen errichteten 2025 dennoch unter erhöhtem Risiko für ihre Investitionen einen Windpark. Die Konzession wurde Medienberichten zufolge über Mittelsmänner vermittelt.
In der RS sicherte sich die Shandong Hi-Speed Group Corporation (SDHS) ohne öffentliche Ausschreibung den 390 Millionen Euro teuren Bau der Autobahn von Banja Luka nach Prijedor. Im Rahmen eines 30-jährigen Konzessionsmodells erhält der Investor das Recht, eine Maut zu erheben. Die Regierung der RS garantiert die Kompensation entgangener Einnahmen aus dem Haushalt, wenn die Mauterlöse unter den vertraglich festgelegten Erwartungen bleiben.
Ungleiche Wettbewerbsbedingungen benachteiligen europäische Firmen
Chinesische Firmen fallen immer wieder durch die Nichtbeachtung von Umwelt-, Arbeitssicherheits- oder anderer Vorschriften auf. In Serbien zum Beispiel kam im Juni 2026 in der Linglong-Fabrik in Zrenjanin ein Arbeiter ums Leben. Mitte Juni 2026 erließ die amerikanische Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) eine Anordnung zur Beschlagnahme von Kupfer und Kupferprodukten von Zijin aufgrund des Verdachts von Zwangsarbeit in den Minen.
Im Juli 2026 verdächtigte die EU chinesische Firmen im Westbalkan der Umgehung von Antidumping- und Antisubventionszöllen und leitete eine Untersuchung ein. Die Kommission geht dem Verdacht nach, dass chinesische Glasfasergarne in Westbalkanstaaten nur geringfügig weiterverarbeitet und anschließend – unter Umgehung bestehender Handelsmaßnahmen – in die EU exportiert wurden.