Markets I Europa I Sicherheits- und Verteidigungsindustrie
Europas Verteidigungsindustrie: Ein Kontinent, viele Kompetenzen
Europa bündelt unterschiedliche regionale Stärken zu einem vielseitigen Defence-Markt. An den Standorten dominieren spezielle Technologien, Produktionsfähigkeiten und Partnerschaften. Für deutsche Unternehmen entstehen so verschiedene Einstiegspfade. Wer die Unterschiede kennt, kann passende Märkte erschließen und das europäische Netzwerk gezielt für sich nutzen.
26.10.2026
Autorinnen und Autoren
Edda vom Dorp, Christopher Fuß, Kirsten Grieß, Friedrich Henle, Oliver Idem, Judith Illerhaus, Marc Lehnfeld, Fabian Möpert, Michael Sauermost, Frauke Schmitz-Bauerdick, Gerit Schulze und Dominik Vorhölter
Berlin, Bonn, Budapest, Bukarest, London, Madrid, Paris, Prag, Stockholm, Warschau
Als der Laserspezialist Trumpf im Frühjahr 2025 ankündigte, stärker in das Verteidigungsgeschäft einzusteigen, war das nicht nur die strategische Entscheidung eines einzelnen Unternehmens. Der Schritt steht beispielhaft für einen grundlegenden Wandel in Europa: Immer mehr Unternehmen aus zivilen Branchen prüfen, wie sie ihre Technologien, Produktionskapazitäten und Kompetenzen für sicherheits- und verteidigungsrelevante Anwendungen nutzen können.
Die europäischen Staaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben in einem bisher kaum gekannten Tempo. Nach Angaben der Europäischen Verteidigungsagentur EDA investierten die 27 EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2025 rund 418 Milliarden Euro in ihre Verteidigung, ein Spitzenwert und ein Anstieg um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Dual-Use wird Schlüsselthema
Höhere Budgets kurbeln nicht nur die Nachfrage nach klassischen Rüstungsgütern an. Sie lösen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Investitionen in neue Produktionskapazitäten, Standorterweiterungen und Kooperationen aus. Besonders gefragt sind Dual-Use-Technologien, die sich sowohl zivil als auch militärisch nutzen lassen. Dazu zählen Drohnen, Künstliche Intelligenz (KI), Cybersicherheit, Sensorik, Kommunikationstechnologien sowie digitale Lösungen für Logistik und Datenverarbeitung.
Die wirtschaftlichen Effekte sind bereits sichtbar: Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI steigerten die 26 größten europäischen Rüstungsunternehmen ihren Umsatz 2024 um 13 Prozent auf umgerechnet 139,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig bauen zahlreiche Unternehmen ihre Produktionskapazitäten aus, um die steigende Nachfrage bedienen zu können.
Europa als arbeitsteiliges Defence-Netzwerk
Davon können auch deutsche Zulieferer, Technologieunternehmen und spezialisierte Mittelständler profitieren. Viele europäische Staaten investieren in neue Fähigkeiten, modernisieren ihre Streitkräfte oder erweitern ihre industrielle Basis. Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen entstehen dadurch neue Absatzmöglichkeiten und Chancen zur Zusammenarbeit mit etablierten Herstellern und Systemintegratoren.
Dabei funktioniert die europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zunehmend als arbeitsteiliges Produktionsnetzwerk. Während einige Staaten als Systemführer komplette Waffensysteme entwickeln, konzentrieren sich andere auf Massenprodukte wie Munition, auf Hochtechnologien oder neue Fertigungskapazitäten. GTAI unterscheidet deshalb vier Cluster, die Unternehmen Orientierung bei der Suche nach passenden Märkten und Geschäftspartnern bieten.
Vier Cluster strukturieren Europas Rüstungsmarkt
Cluster A umfasst die großen Systemführer wie Frankreich oder Großbritannien. Dort sitzen die Hersteller komplexer Waffensysteme, die umfangreiche Zuliefernetzwerke benötigen. Cluster B steht für Länder mit starker Produktionsbasis für Munition und standardisierte Verteidigungsgüter, darunter Polen und Tschechien. Cluster C vereint Hightech-Standorte wie Schweden oder die Niederlande, die sich auf Sensorik, Elektronik, Software und andere Schlüsseltechnologien konzentrieren. Cluster D umfasst schließlich neue Produktions- und Skalierungsstandorte in Europa, die ihre Verteidigungsindustrie derzeit gezielt ausbauen und zusätzliche Fertigungskapazitäten schaffen, etwa Ungarn oder Rumänien.
Für deutsche Unternehmen bietet jedes dieser Cluster unterschiedliche Ansatzpunkte: von der Zulieferung von Komponenten über Technologiepartnerschaften bis hin zur Beteiligung an grenzüberschreitenden Investitions- und Beschaffungsprojekten. Wie diese Marktchancen konkret aussehen, zeigen die folgenden Länder- und Unternehmensbeispiele – eines aus jedem Cluster.
Frankreich gehört neben Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Spanien und Italien zu Europas Systemführern. Im Land sind Unternehmen entlang der gesamten militärischen Wertschöpfungskette tätig. Auch deutsche Firmen sind auf dem französischen Rüstungsmarkt aktiv.
Das Scheitern des Flugzeugprojektes Future Combat Air System (FCAS) hatte im Juni 2026 dunkle Schatten auf die deutsch-französische Rüstungskooperation geworfen. Außerhalb dieses Vorhabens läuft die deutsch-französische Rüstungszusammenarbeit jedoch gut. Deutsche Unternehmen sind bereits seit vielen Jahren Partner französischer Rüstungsgrößen: Renk Frankreich, eine Tochtergesellschaft der deutschen Renk Group, ist Zulieferer von Antriebssystemen, unter anderem für den Leclerc-Panzer von KNDS France. Hensoldt France liefert technologische Lösungen für den französischen Kampfflieger Rafale von Dassault. Und Safran Electronic & Defense kooperiert seit 2025 mit Rheinmetall Electronics im Bereich Verteidigungstechnologien.
„Auf den französischen Verteidigungsmarkt zu kommen, ist für deutsche Unternehmen zwar schwierig, war aber noch nie so einfach wie heute“, beobachtet Francois Savy, Kapitän zur See a.D. und heute Geschäftsführer der bretonischen Militärberatungsfirma NDPS. „Vor allem für Anbieter von Produkten und Dienstleistungen, die es in Frankreich noch nicht gibt, ist der Markteinstieg machbar. Chancen bestehen auch, wenn ein deutlicher Wettbewerbsvorteil existiert. Der Einstieg kann über eine Zusammenarbeit mit den Großen der Branche gelingen, vielversprechender ist er aber über Partnerschaften mit kleineren französischen Anbietern.“
Automobilzulieferer gehen in die Verteidigungsproduktion
Vor allem in der Drohnenproduktion ergeben sich neue Geschäftsmöglichkeiten: Das deutsche Drohnen- und KI-Scale-up Helsing und der französische Sprengstoffhersteller EURENCO haben im Juni 2026 bekannt gegeben, zusammen Gefechtsköpfe für Angriffsdrohnen zu entwickeln.
Und auch für branchenfremde Unternehmen öffnen sich Einfallstore in den Rüstungsmarkt Frankreich: So hat der deutsche Automobilzulieferer Schäffler im Juni 2026 angekündigt, zusammen mit dem jungen französischen Drohnenunternehmen Delair in die Produktion von Drohnen einzusteigen. Ab November 2026 will Schäffler täglich bis zu 100 Einheiten des Drohnentyps Damoclès und der Abfangdrohne Aspik fertigen. Der deutsch-französische Automobilzulieferer Forvia hatte im Juli 2026 bekannt gegeben, in die Drohnenproduktion einzusteigen.
Deutschland muss sich Frankreichs Vertrauen erarbeiten
Aber nicht überall gibt es Begeisterung für deutsches Rüstungsengagement. Gerade konservative Kreise im französischen Militär und in der Politik beobachten die deutsche Aufrüstung, aber auch deutsch-französische Kooperationen mit Misstrauen. Unter anderem die Tatsache, dass Deutschland im Gegensatz zum hochverschuldeten Frankreich genügend Geld hat, um neue Militärkapazitäten aufzubauen, kommt nicht immer gut an in Frankreich. Das habe viel mit dem französischen Selbstverständnis zu tun, sagen Beobachter. Denn gerade in den Bereichen Rüstung und Verteidigung sieht sich Frankreich traditionell in einer europäischen Führungsrolle.
Die deutsche Regierung kennt Frankreichs Sorge vor einer möglichen Verschiebung des militärischen Gleichgewichts. Daher betont die Bundesregierung, wann immer es möglich ist, dass sie die deutsche Aufrüstung im europäischen und deutsch-französischen Rahmen sowie in den Diensten der EU und der Nato sieht. „Wir machen Europa stärker – und damit auch Deutschland. Und wenn wir Deutschland stärker machen, machen wir Europa stärker – politisch und wirtschaftlich“, so Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli 2026 auf dem Paderborner Liborimahl.
Für deutsche Unternehmen eröffnet sich damit ein Markt, der zwar politisches Fingerspitzengefühl verlangt, zugleich aber erhebliche Wachstumschancen bietet. Zahlreiche Kooperationen abseits des gescheiterten Flugzeugprojekts FCAS auf Unternehmensebene zeigen, dass aus gemeinsamen Interessen auch künftig erfolgreiche Projekte entstehen können.
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Polen investiert Milliarden in seine Streitkräfte. Von den Aufträgen profitieren ausländische Unternehmen vor allem dann, wenn sie lokale Partner an den Projekten beteiligen. Zukünftig wollen etwa Rolls-Royce Power Systems und der staatliche Rüstungskonzern PGZ ihre Zusammenarbeit vertiefen.
Kaum ein NATO-Staat rüstet derzeit so schnell auf wie Polen. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft gibt das Land mehr für Verteidigung aus als jeder andere Bündnispartner. Allein 2026 umfasst der Verteidigungshaushalt rund 47 Milliarden Euro. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich die Ausgaben nahezu vervierfacht. Die Streitkräfte beschaffen Fahrzeuge, Kriegsschiffe, Munition und andere Waffensysteme. Ziel der Aufrüstung ist es, bis 2030 die größte Armee Europas aufzubauen.
Internationale Hersteller von Rüstungsgütern haben das Land daher genau im Blick. Doch wer an den Beschaffungsprogrammen mitwirken will, kommt an lokalen Partnern und Wertschöpfung in Polen kaum vorbei. Die Regierung will die hohen Militärausgaben nutzen, um die heimische Industrie auszubauen. So erklärte Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz gegenüber dem Rüstungsportal Defence24: „Von einem Land, das nur Rüstungsgüter gekauft hat, werden wir zu einem Co-Produzenten, Haupt-Produzenten und Exporteur.“
Strategische Partnerschaft in Aussicht
Diese Botschaft ist auch in Friedrichshafen am Bodensee angekommen. Dort sitzt die Rolls-Royce Power Systems AG. Sie fertigt unter der Marke mtu verschiedene Antriebssysteme. Die Produkte kommen zum Beispiel in Fahrzeugen und Schiffen zum Einsatz. Damit sind die Baden-Württemberger genau in jenen Segmenten aktiv, in die Polen derzeit Milliarden investiert. Knut Müller, Leiter des globalen Behördengeschäfts bei Rolls-Royce Power Systems, bezeichnet Polen im Gespräch mit GTAI darum auch als „strategisch wichtigen Wachstumsmarkt“. Als Behördengeschäft bezeichnet Rolls-Royce seine Rüstungssparte.
Der wichtigste Abnehmer von Antriebssystemen in Polen ist der staatliche Rüstungskonzern PGZ. Das Unternehmen produziert Waffensysteme für alle Teilstreitkräfte der polnischen Armee. Bereits in der Vergangenheit hat PGZ bei Rolls-Royce Power Systems eingekauft. Nun wollen beide Seiten ihre Zusammenarbeit vertiefen. Anfang März 2026 unterzeichneten die Unternehmen eine Absichtserklärung.
In Zukunft soll PGZ die mtu-Antriebe in Polen warten und instand halten sowie perspektivisch auch die Produktion übernehmen. Knut Müller setzt große Hoffnungen in die Kooperation: „Unser Ziel ist nicht nur die Beteiligung an einzelnen Programmen, sondern der Aufbau einer belastbaren und langfristigen industriellen Partnerschaft.“
Die Absichtserklärung markiert dabei erst den Anfang. Beide Seiten verhandeln ein verbindliches Abkommen. Zu den laufenden Gesprächen äußert sich Rolls-Royce zurückhaltend: „Da sich der Austausch noch in einer laufenden Phase befindet, können wir zu einzelnen Projekten oder vertraglichen Details aktuell keine weiteren Angaben machen“, so Müller. Der Konzern verweist lediglich auf seine langjährige Erfahrung mit internationalen Industriepartnerschaften.
Wie anspruchsvoll solche Verhandlungen sein können, zeigt das Beispiel Rheinmetall. Auch mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern hatte PGZ eine Absichtserklärung unterzeichnet. Gemeinsam wollten die Unternehmen in Polen sogenannte Unterstützungsfahrzeuge produzieren. Nach anfänglicher Euphorie macht das Projekt mittlerweile keine Fortschritte mehr.
Eine Rolle spielt dabei auch die politische Dimension: Kooperationen mit deutschen Rüstungsunternehmen gelten in Polen als sensibel, insbesondere wenn es um sichtbare Endprodukte geht. Für deutsche Unternehmen ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis: Die größten Chancen liegen oft nicht bei kompletten Waffensystemen, sondern bei spezialisierten Komponenten und industriellem Know-how.
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Kaum ein anderes europäisches Land verbindet Verteidigung und Technologie so eng wie Schweden. Rund um eine starke Industrie und leistungsfähige Forschungszentren entsteht ein dynamisches Umfeld für neue Lösungen. Davon profitiert auch das Berliner Unternehmen STARK.
Als STARK Anfang 2026 einen Standort in Stockholm eröffnete, war dies mehr als nur der Eintritt in einen neuen Markt. Das deutsche Defence-Tech-Unternehmen setzt damit gezielt auf eines der dynamischsten Verteidigungs- und Technologieökosysteme Europas. Die Berliner entwickeln unbemannte Systeme und moderne Verteidigungstechnologien für europäische Streitkräfte und NATO-Partner und sehen in Schweden einen idealen Standort, um ihre Präsenz in Nordeuropa auszubauen. „Wer in Europa Verteidigungstechnologien entwickeln will, kommt an Schweden kaum vorbei. Das Land vereint industrielle Erfahrung, technologische Spitzenkompetenz und einen klaren sicherheitspolitischen Fokus“, so Johannes Arlt Bjerrehøj, Senior VicePresident und Geschäftsführer von STARK Norden & Canada.
Standort mit technologischer Stärke
Die Entscheidung für Schweden fiel dabei nicht zufällig. Das Land verbindet eine lange Tradition in der Verteidigungsindustrie mit einer ausgeprägten Innovationskultur. Rund um Stockholm, Linköping und weitere Technologiezentren entstehen neue Lösungen an der Schnittstelle von Software, Sensorik, Kommunikationstechnik und Verteidigung. Gleichzeitig sorgen steigende Verteidigungsausgaben und die engere Zusammenarbeit innerhalb der NATO für zusätzliche Dynamik.
Für STARK steht vor allem die technologische Kompetenz des Landes im Vordergrund. Das Unternehmen will in Stockholm insbesondere Fähigkeiten im Bereich elektronische Kampfführung ausbauen und dafür auf schwedisches Know-how in Hochfrequenztechnik, sicheren Kommunikationssystemen und Softwareentwicklung zurückgreifen. „Schweden vereint eine starke Verteidigungsindustrie mit einer außergewöhnlichen technologischen Kompetenz", sagt Arlt Bjerrehøj. „Für uns ist das die ideale Umgebung, um neue Fähigkeiten schneller zur Einsatzreife zu bringen.“
Der Markteintritt erfolgte über ein Netzwerk aus Industriepartnern, Institutionen und Branchenkontakten. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Deutsch-Schwedische Handelskammer, die STARK beim Aufbau von Kontakten in das lokale Ökosystem unterstützte. Darüber hinaus setzt das Unternehmen auf Kooperationen mit nordischen Partnern, um technologische Kompetenzen über Ländergrenzen hinweg zusammenzuführen. Arlt Bjerrehøj: „In Schweden haben wir offene Türen vorgefunden. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Industrie, Forschung und staatlichen Akteuren ist bemerkenswert hoch.“
Von diesem Umfeld profitiert nicht nur STARK. Die nordische Verteidigungsindustrie entwickelt sich zunehmend zu einem integrierten Markt, in dem Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Streitkräfte eng zusammenarbeiten. Gerade für technologieorientierte Firmen entstehen dadurch Möglichkeiten, Innovationen schneller zu entwickeln und zu testen als in vielen anderen europäischen Märkten.
STARK verfolgt in Schweden daher mehr als klassische Vertriebsziele. Die Stockholmer Niederlassung soll Teil eines europäischen Innovationsnetzwerks werden, das Kompetenzen aus Deutschland, Schweden und weiteren NATO-Staaten bündelt. Ziel ist es, neue Verteidigungstechnologien gemeinschaftlich zu entwickeln und damit einen Beitrag zur europäischen Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit zu leisten. „Unser Ziel ist nicht nur, in Schweden präsent zu sein. Wir wollen Teil des nordischen Ökosystems werden und gemeinsam mit unseren Partnern Fähigkeiten entwickeln, die Europas Sicherheit stärken“, fasst Arlt Bjerrehøj zusammen.
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Ungarn baut seine Verteidigungsindustrie mit hohem Tempo aus. Staatliche Investitionen und langfristige Aufträge schaffen neue Kapazitäten und binden das Land stärker in europäische Lieferketten ein. Rheinmetall spielt bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle.
Der Düsseldorfer Technologiekonzern Rheinmetall macht in Ungarn vor, wie schnell neue Produktionskapazitäten entstehen können. Seit 2020 hat der Konzern vier Standorte in dem Land aufgebaut: In Zalaegerszeg fertigt er den Schützenpanzer Lynx, in Várpalota Munition. Hinzu kommen ein Softwareentwicklungszentrum in Budapest und Produktionsflächen für militärische Komponenten in Szeged.
Sowohl Ungarn als auch Rumänien und Bulgarien bauen ihre Verteidigungsindustrien unter Hochdruck aus. Die drei Staaten an der NATO-Ostflanke wollen ihre militärische Infrastruktur stärken und die Produktion rasch ausweiten. Während Ungarn bis Mitte der 2010er-Jahre kaum Verteidigungsindustrie besaß, verfügen Rumänien und Bulgarien über eine gewachsene, aber vielerorts veraltete und staatlich geprägte industrielle Basis.
Ungarn setzt auf heimische Rüstungsproduktion
Der Markteintritt von Rheinmetall in Ungarn steht exemplarisch für den Aufbau der dortigen Verteidigungsindustrie. Die Regierung koppelte die Modernisierung der Streitkräfte an heimische Fertigung und beteiligte den Staat über Gemeinschaftsunternehmen. Rheinmetall brachte Technologie, Produktionswissen und Lieferketten ein, Ungarn bot langfristige Nachfrage, Investitionsanreize und kurze Entscheidungswege.
Die Produktion des Schützenpanzers Lynx konnte so schon Anfang 2023 starten. „Dieses Modell ist auch übertragbar auf andere Länder, die ebenfalls Interesse an vergleichbaren Partnerschaften haben“, so der Leiter von Rheinmetall Vehicle Systems Europe, Björn Bernhard, bei der Übergabe des ersten in Ungarn gefertigten Lynx im Juli 2024 an die ungarischen Streitkräfte.
Rheinmetall als zentraler Akteur in der Region
In Rumänien und Bulgarien stehen der Ausbau und die Modernisierung bestehender Produktionskapazitäten im Mittelpunkt der aktuellen Industrietransformation. Rheinmetall treibt seine Expansion auch in diesen beiden Ländern voran.
Im Jahr 2024 übernahm das Unternehmen die Mehrheit am rumänischen Fahrzeughersteller Automecanica in Mediaș. Das Werk produziert Spezialfahrzeuge, Lkw-Aufbauten und Anhänger und soll nun auch Militärfahrzeuge fertigen und warten. Weitere Investitionen betreffen Gefechtsfahrzeuge, Flugabwehr und Munition. „Wir werden gemeinsam mit unseren rumänischen Partnern ein weitreichendes Defence-Ökosystem aufbauen“, unterstrich der Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, Armin Papperger, anlässlich eines Großauftrags der rumänischen Regierung im Juni 2026.
In Bulgarien gründete Rheinmetall Ende 2025 ein Joint Venture mit dem staatlichen Hersteller von Artilleriegeschossen und energetischen Materialien VMZ. Rund eine Milliarde Euro sollen in den Standort bei Sopot fließen. Der Produktionsstart für Geschosshüllen ist für 2027 geplant.
Mit den neuen Produktionslinien entstehen zunehmend Knotenpunkte integrierter europäischer Lieferketten. Rheinmetall investiert dabei nicht nur in Endprodukte, sondern auch in kritische Vorprodukte. „Innerhalb der Verteidigungsindustrie bleibt Treibladungspulver ein strategischer Engpass“, erklärte Papperger im November 2025 bei der Unterzeichnung eines Joint Ventures mit dem rumänischen Staatsunternehmen Pirochim Victoria. Gemeinsam wollen die Partner in Rumänien ein Werk für Treibladungspulver und modulare Treibladungen errichten.
Das Beispiel Ungarn zeigt, wie schnell aus einer strategischen Partnerschaft innerhalb weniger Jahre ein leistungsfähiges Produktionsnetzwerk entstehen kann. Rumänien und Bulgarien gehen ebenfalls diesen Weg und modernisieren bestehende Werke gemeinsam mit internationalen Partnern. Für deutsche Zulieferer und industrielle Dienstleister eröffnen sich dadurch Chancen: In der Investitionsphase ist Ausrüstung und Know-how gefragt, mit dem Hochlauf der Fertigung wächst auch der Bedarf an Komponenten, Wartung, Instandhaltung und weiteren produktionsnahen Dienstleistungen.
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Drei Fragen zum Angebot der Außenwirtschaftsförderung für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) an Marc Lehnfeld, Senior Coordinator Security & Defence bei GTAI
Die deutsche Industrie steht unter Transformationsdruck. Viele Unternehmen setzen bei der Diversifizierung auf die Verteidigungsbranche. Ist das realistisch?
Die Verteidigungsindustrie hat sich in kurzer Zeit zu einer der am schnellsten wachsenden Industriebranchen Europas entwickelt. Um das NATO-Ausgabenziel von 3,5 Prozent des BIP bis 2035 erreichen zu können, sind die europäischen NATO-Staaten gefordert, ihre jährlichen Verteidigungsausgaben um 320 Milliarden Euro zu steigern. Die Verteidigungsindustrie muss also in viel größerem Umfang als bisher und in hoher Qualität seriell produzieren.
Genau diese Kompetenzen bringen deutsche Unternehmen, zum Beispiel aus der Automobilindustrie, mit. Bei der globalen Markterschließung dürfen wir aber nicht nur an die großen Konzerne denken. Wir verzeichnen ein stark gestiegenes Interesse deutscher Mittelständler an den Maßnahmen der Außenwirtschaftsförderung.
Ganz konkret: Wie unterstützt GTAI deutsche Unternehmen, die an die internationale Sicherheits- und Verteidigungsindustrie verkaufen möchten?
Wir bieten für die Verteidigungsbranche das bewährte GTAI-Paket mit Erstinformationen zu nationalen Verteidigungsindustrien weltweit, aber auch zum Ausfuhrkontrollregime, vor allem bei Dual-Use-Gütern. Zudem bringen wir in über zehn Delegationsreisen pro Jahr mittelständische Branchenunternehmen direkt in die Auslandsmärkte – übrigens nicht nur nach Europa, sondern 2027 zum Beispiel auch nach Australien, in die USA und in die Türkei.
Wie gut ist die Außenwirtschaftsförderung auf die wachsende Kundschaft im Verteidigungssektor eingestellt?
Die bestehenden Instrumente der Bundesregierung wie die Auslandsmesseförderung, Exportkreditgarantien und das Beratungsportfolio der Auslandshandelskammern wurden in kürzester Zeit angepasst. GTAI organisiert die neue Exportinitiative Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Im nächsten Schritt gilt es, unsere Förderinstrumente an die besonderen Anforderungen dieser Branche anzupassen, zum Beispiel staatliche Beschaffungswege aufzuzeigen, Qualifizierungsanforderungen für Zulieferer transparent zu machen und deutsche Unternehmen früh in Großprojekten zu positionieren. Dafür gehen wir in den Dialog mit den Industrieverbänden und öffentlichen Fördereinrichtungen.
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1,5 Milliarden Euro für Europas Verteidigungsindustrie
Im Jahr 2024 legte die Europäische Kommission erstmals eine europäische Verteidigungsindustriestrategie vor, die European Defence Industrial Strategy (EDIS). Ziel der EDIS ist es, Europas technologische und industrielle Verteidigungsbasis zu stärken. Ein zentrales Instrument dafür ist das European Defence Industry Programme (EDIP). Es unterstützt gemeinsame Projekte der Mitgliedstaaten und soll dabei helfen, militärische Ausrüstung schneller zu produzieren. So will die EU ihre Verteidigungsindustrie widerstandsfähiger machen und sicherstellen, dass die Streitkräfte der Mitgliedstaaten dauerhaft mit benötigtem Material versorgt werden. Bis 2027 stellt die EU im Rahmen von EDIP 1,5 Milliarden Euro bereit.
Das Common Armoured Vehicle System (CAVS) gehört zu den wichtigsten multinationalen Rüstungsprojekten Europas. Finnland und Lettland starteten das Programm 2020, um eine gemeinsame Plattform für Panzerfahrzeuge zu entwickeln. Als Grundlage dient der vom finnischen Rüstungskonzern Patria entwickelte Radpanzer Patria 6x6. Das Kooperationsprojekt überträgt Fertigungskompetenz an lokale Partner und fördert die koordinierte Produktentwicklung. Inzwischen beteiligen sich auch Schweden, Dänemark, Norwegen, das Vereinigte Königreich und Deutschland. Litauen erwägt ebenfalls beizutreten.
Mit dem Instrument Security Action for Europe (SAFE) will die EU ihre Mitgliedstaaten dabei unterstützen, ihre Verteidigungsinvestitionen rasch und deutlich zu erhöhen. Dafür stellt sie bis zu 150 Milliarden Euro bereit. Die Mitgliedstaaten können das Geld nutzen, um gemeinsam Verteidigungsgüter zu beschaffen und dadurch schneller auf den wachsenden Bedarf ihrer Streitkräfte zu reagieren. Interessierte Staaten beantragen die Mittel auf Grundlage eigener nationaler Pläne. Die EU vergibt sie als langfristige Darlehen zu wettbewerbsfähigen Konditionen. Die Industrie profitiert so von größeren und besser planbaren Aufträgen, etwa in den Bereichen Luft- und Raketenabwehr, Drohnen oder Cybersicherheit.
Das Markterschließungsprogramm (MEP) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie fördert kleine und mittlere Unternehmen bei ihrem Einstieg in ausländische Märkte. Die Projekte bieten Marktinformationen aus erster Hand, helfen bei der Sondierung neuer Märkte und ermöglichen den Aufbau von Auslandskontakten. Für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie stehen 2026 noch drei Geschäftsanbahnungsreisen an: auf die Philippinen (5. bis 9. Oktober), nach Griechenland (9. bis 12. November) und nach England (30. November bis 2. Dezember). Außerdem ist eine Leistungsschau in Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geplant (28. November bis 2. Dezember).
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Warum rüstet Europa derzeit so massiv auf? Die 27 EU-Staaten reagieren auf die veränderte geopolitische Lage und wollen bis 2030 vollständige Verteidigungsfähigkeit erreichen.
Welche Technologien sind besonders gefragt? Neben klassischen Waffensystemen sind vor allem Drohnen, Antriebssysteme für Fahrzeuge und Schiffe, Munitionsproduktion, Hochfrequenztechnik und Software für vernetzte Gefechtsführung gefragt.
Was unterscheidet die vier Cluster? Cluster A umfasst Systemführer wie Frankreich, Cluster B Munitionsproduzenten wie Polen, Cluster C Hightech-Standorte wie Schweden und Cluster D neue Produktionsstandorte wie Ungarn.
Wie können deutsche Mittelständler einsteigen? Deutsche Unternehmen finden Einstiegsmöglichkeiten über die Zulieferung von Komponenten, Technologiepartnerschaften oder die Beteiligung an grenzüberschreitenden Investitions- und Beschaffungsprojekten mit lokalen Partnern.
Welche Rolle spielen lokale Partnerschaften? In vielen Ländern ist lokale Wertschöpfung Voraussetzung für Beschaffungsaufträge, internationale Hersteller müssen mit heimischen Unternehmen kooperieren.
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