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Polen: Vom Käufer zum Produzenten
Polen investiert Milliarden in seine Streitkräfte. Von den Aufträgen profitieren ausländische Unternehmen vor allem dann, wenn sie lokale Partner an den Projekten beteiligen. Zukünftig wollen etwa Rolls-Royce Power Systems und der staatliche Rüstungskonzern PGZ ihre Zusammenarbeit vertiefen.
26.10.2026
Kaum ein NATO-Staat rüstet derzeit so schnell auf wie Polen. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft gibt das Land mehr für Verteidigung aus als jeder andere Bündnispartner. Allein 2026 umfasst der Verteidigungshaushalt rund 47 Milliarden Euro. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich die Ausgaben nahezu vervierfacht. Die Streitkräfte beschaffen Fahrzeuge, Kriegsschiffe, Munition und andere Waffensysteme. Ziel der Aufrüstung ist es, bis 2030 die größte Armee Europas aufzubauen.
Internationale Hersteller von Rüstungsgütern haben das Land daher genau im Blick. Doch wer an den Beschaffungsprogrammen mitwirken will, kommt an lokalen Partnern und Wertschöpfung in Polen kaum vorbei. Die Regierung will die hohen Militärausgaben nutzen, um die heimische Industrie auszubauen. So erklärte Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz gegenüber dem Rüstungsportal Defence24: „Von einem Land, das nur Rüstungsgüter gekauft hat, werden wir zu einem Co-Produzenten, Haupt-Produzenten und Exporteur.“
Strategische Partnerschaft in Aussicht
Diese Botschaft ist auch in Friedrichshafen am Bodensee angekommen. Dort sitzt die Rolls-Royce Power Systems AG. Sie fertigt unter der Marke mtu verschiedene Antriebssysteme. Die Produkte kommen zum Beispiel in Fahrzeugen und Schiffen zum Einsatz. Damit sind die Baden-Württemberger genau in jenen Segmenten aktiv, in die Polen derzeit Milliarden investiert. Knut Müller, Leiter des globalen Behördengeschäfts bei Rolls-Royce Power Systems, bezeichnet Polen im Gespräch mit GTAI darum auch als „strategisch wichtigen Wachstumsmarkt“. Als Behördengeschäft bezeichnet Rolls-Royce seine Rüstungssparte.
Der wichtigste Abnehmer von Antriebssystemen in Polen ist der staatliche Rüstungskonzern PGZ. Das Unternehmen produziert Waffensysteme für alle Teilstreitkräfte der polnischen Armee. Bereits in der Vergangenheit hat PGZ bei Rolls-Royce Power Systems eingekauft. Nun wollen beide Seiten ihre Zusammenarbeit vertiefen. Anfang März 2026 unterzeichneten die Unternehmen eine Absichtserklärung.
In Zukunft soll PGZ die mtu-Antriebe in Polen warten und instand halten sowie perspektivisch auch die Produktion übernehmen. Knut Müller setzt große Hoffnungen in die Kooperation: „Unser Ziel ist nicht nur die Beteiligung an einzelnen Programmen, sondern der Aufbau einer belastbaren und langfristigen industriellen Partnerschaft.“
Die Absichtserklärung markiert dabei erst den Anfang. Beide Seiten verhandeln ein verbindliches Abkommen. Zu den laufenden Gesprächen äußert sich Rolls-Royce zurückhaltend: „Da sich der Austausch noch in einer laufenden Phase befindet, können wir zu einzelnen Projekten oder vertraglichen Details aktuell keine weiteren Angaben machen“, so Müller. Der Konzern verweist lediglich auf seine langjährige Erfahrung mit internationalen Industriepartnerschaften.
Eine Absichtserklärung ist keine Erfolgsgarantie
Wie anspruchsvoll solche Verhandlungen sein können, zeigt das Beispiel Rheinmetall. Auch mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern hatte PGZ eine Absichtserklärung unterzeichnet. Gemeinsam wollten die Unternehmen in Polen sogenannte Unterstützungsfahrzeuge produzieren. Nach anfänglicher Euphorie macht das Projekt mittlerweile keine Fortschritte mehr.
Eine Rolle spielt dabei auch die politische Dimension: Kooperationen mit deutschen Rüstungsunternehmen gelten in Polen als sensibel, insbesondere wenn es um sichtbare Endprodukte geht. Für deutsche Unternehmen ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis: Die größten Chancen liegen oft nicht bei kompletten Waffensystemen, sondern bei spezialisierten Komponenten und industriellem Know-how.